Sonntag, 24. Mai 2009

Ich fühle mich fremd hier, auch wenn ich dazugehöre


Hunderte von Menschen strömen an mir vorbei, aus Boutiquen und diversen Läden. Es ist laut und chaotisch, überall wird gesprochen, gelacht und geschrien. Am Rande des Chaos, die Wächter der Stille, Mahner des Abgrunds - Zeichen unserer Zeit. Auf ihren Schildern steht: Arm, Arbeitslos, viele Kinder, Behindert. “Hast du mal nen Euro…”,ich höre die letzten Worte nicht mehr, werfe 50 Cent in den Eimer, gehe weiter. An der nächsten Straßenecke das gleiche Schauspiel: “Ich bin Obdachlos, sammle Geld für ein Frühstück…” Auch an ihnen strömen die Menschen vorbei, mit dicken Einkaufstaschen, klobigen Handys und goldenen Ketten. Ein paar Meter weiter erwecken Jugendliche meine Aufmerksamkeit. Auf dem T-Shirt des einen steht in schwarzen Druckbuchstaben: Fußball, Sex und Alkohol. Sein Gang ist krumm, seine Glieder hängen schlapp an seinem Körper herunter. Er ist Teil meiner Generation, wohin er wohl unterwegs ist ?

Mit im Bewusstsein schleppe ich die Nachrichten aus der Zeitung von heute Morgen. Sie berichten von Tod, Folter, Krieg, Zerstörung, Vergewaltigung, Tierschändern, Blutfehden, Terrorismus, Amokläufern, Selbstmördern etc. Wenn ich mir daneben die Sendungen denke, die täglich auf das moderne Bewusstsein unserer Zeit wirken, ich meine hier als Beispiel diverse Kochsendungen, “Deutschland sucht den Superstar” oder “Germanys next Topmodel”, allgemein die oberflächliche Medienkultur (sie gehört aus meiner Sicht zur Fast-Food-Kultur der Moderne), so wundert es mich nicht, das sich im Bewusstsein vieler Menschen wenig, in den Tatsachen des täglichen Lebens fast gar nichts rührt, was auf irgendeine Besserung hoffen lassen könnte. Es gibt sie, Besserungen und positiven Seiten des Lebens. Sie haben ihre Wirkung in der Welt, aber mit einem Aufzeigen dieses Gegenpols sind die groben und krassen Mißstände nicht behoben. Ich bin nicht einer der Menschen, die sagen, es läge nur am eigenen Standpunkt, an der eigenen Perspektive, ob die Welt gut oder schlecht ist, oder beides, oder gar nichts von den genannten Atributen. Es gibt Menschen, die können nur das "Gute" sehen und vergessen dabei, für das "Gute" zu kämpfen. Für mich ist es wesentlich, aus welcher Perspektive ein Mensch schaut, aber im konkreten Fall sind Taten gefragt. Es gibt Stimmen die sagen, es hat schon immer Arme und Reiche gegeben, das würde sich nie ändern, da kann man nichts machen. Ich denke, wenn der Arzt meint, Krankheit an sich hätte es schon immer gegeben und würde dann einem schwerkranken Menschen seine Hilfe verweigern, welchen nutzen hätte das für den, der um Hilfe bittet und welchen Eindruck würde das hinterlassen?

Dieses Aufzeigen sozialer Missstände ließe sich endlos weiterführen, das ist für viele Menschen nichts neues. Dennoch ist "Modern", das sich die Neuzeit inzwischen immer mehr an diese krassen Wiedersprüche, sozialen Problematiken, gewöhnt hat und das es zum Alltag gehört, wenn neben der Ausstrahlung von Big Brother in deutschen Stuben, in der sich das menschliche Flachland selbst feiert, in einem anderen Teil der Welt Menschen auf brutale Weise zu Tode kommen. Ich schreibe das hier, weil ich denke, das wir mit einem neuen Bewußtsein der Welt (durch die Kommunikationsmöglichkeiten der hochentwickelten Medien), auch eine andere Ver-antwortung erhalten haben. Die Antwort ist aus meiner Sicht fragwürdig - sicherlich gibt es auch hoffnungsvolle Initiativen und Bewegungen.

Ich frage mich, was regt sich in der menschlichen Seele, wenn sie am Abend vor dem Fernseher sitzt und sie die Nachrichten von Flüchtlingen erreicht, wenn sie die Leiden von Kriegsopfern erfährt, die Schicksale geschändeter Menschen und die Taten wahnsinniger Mörder, später dann einfach umschaltet? Es ist nur ein Knopfdruck und das Bewusstsein springt von den Schauplätzen, an denen Leichen das Tagesthema bestimmen in die nächste Talkshow, in der die Themen im einzelnen Ekel bereiten können. Dieses "aktive Nichtstun" und "Verdummen" in unserer Zeit gehört bei vielen Deutschen zum abendlichen (Fernseh)Programm. Es stinkt und ist zugleich alltäglich, wie der morgendliche Gang zur Toilette. Wem es zu viel wird, der schaltet (spült) einfach (um). Doch das die Schatten menschlichen Lebens nicht einfach weg sind, wenn man einen Knopf, oder die Spülung betätigt, ist eine Tatsache. Die Mentalität des "irgendjemand wird sich schon um die Scheiße kümmern" zeigt sich in den Zuständen unserer Zeit. Mich machen diese Dinge fragend. Welche Entwicklung ist das ? Ist das immer noch Fortschritt, oder nicht vielmehr Untergang?

So werde ich den Eindruck nicht los, das unsere Gesellschaft zutiefst gespalten ist. Das die Kluft der sozialen Schichten mehr denn je auseinanderklafft und das ein Sprechen über ein gerechtes Miteinander nur noch im Flüsterton geschehen kann, will man sich nicht der Kritik aussetzen, von einer Utopie zu sprechen, die so nicht umsetzbar ist: ,,man kann sowieso nichts ändern und es hat schon immer Arme und Reiche gegeben…”. Damit wird dem Zerfall der menschlichen Kultur und der Zerrüttung des Sozialstaates Tor und Tür geöffnet. Frage ich Jugendliche, Menschen meiner Generation, wie es weitergehen soll, wohin sie gehen wollen, so schaue ich in unschlüssige, ratlose Gesichter. Ich kann sie verstehen, denn ich bin auch ratlos, blicke ich auf die Zustände unserer Existenz. Was haben wir hier geerbt ?

Während ich so nachdenke erreiche ich ein liebgewonnenes Cafe. Ich setze mich und genieße die warme Sonne. Während ich meinen Cafe trinke, beobachte ich eine ärmliche Gestalt die Gästen um etwas Geld bittet. Ein Mann sucht nach seiner Geldtasche und gibt. Die kümmerliche Gestalt geht zum nächsten Lokal und wird von dem Herren, den sie dort anspricht, ignoriert. Der Kellner beobachtet das geschehen und vertreibt sie vom Gelände. Mit hängenden Schultern verlässt sie den Platz. In mir regt sich Sorge. Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn ich an diesem Punkt stände und an was es lag, dass ich nicht an dieser Stelle stehe: Täglich um Geld betteln zu müssen, von vielen in der Gesellschaft verachtet zu sein, sich vielleicht als Ausgestoßener zu fühlen, oder den Großteil der eigenen Familie verloren zu haben, schwer krank zu sein [...]. Der Gedanke daran macht mich nachdenklich. Was bereitet mir Sorge, wenn ich diesen Menschen beobachte ? Sicherlich der Gedanke, selber in diese Situation zu kommen und das mir Hilfe verweigert wird. Ist mein Mitleid ein unbewusster egoistischer Zug? Gebe ich Geld aus Sorge um mich? Ja, auch weil ich mir um meine Zukunft sorgen mache, auch um die Zukunft meiner Kinder. Wenn ich gebe, dann ist das wohl auch Selbstpflege und Pflege für die Welt da draußen. Derjenige der geben kann, gibt sich selber und seinen Mitmenschen, Kindern und der eigenen Zukunft. Er weiß, das wir alle derHilfe anderer bedürfen und gibt deswegen. Eine gesunde Selbstpflege ist gleichzeitig die Pflege von "Welt", so erscheint es mir, ist auch Bedingung dafür, das sich soziale Missstände verändern. Es mangelt unserer Zeit an wahrer Fürsorge.

Dieser Gedanke wird vielleicht früher oder später mit Gewalt und Zerstörung in die Herzen der Menschen getragen werden, die das heute noch nicht sehen können. Denn wie lange werden sich Menschen und Wesen am Abgrund etwas gefallen lassen, was sie in den sicheren Tod bringt?


Kommentare:

JANET hat gesagt…

heute lief im Fernsehen eine Reportage über den Kirchentag in Bremen Mensch, wo bist Du.. Begleitet wurde eine Blinde die sich sehr rege beteiligte und alles wahrnehmen wollte was um sie rum geschah. Weil sie nicht sehen konnte, fragte sie einfach die Menschen...und sie erhielt Antworten und Hilfe. Was fehlt ist wirkliche Kommunikation zwischen den Menschen.

Und was ich wirklich rührend fand war ihre Umarmung nach dem Gespräch mit einer jungen Tamilin auf einer Demo.

Unsere Zeit hat ihren Sinn. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Man kann auch viel schönes sehen, wenn man einen anderen Blickwinkel einnimmt. Denke ich.

Lieben Gruß
JANET

Jelena hat gesagt…

genau so nehme ich es auch war. uns -unsere generation. manchmal frage ich mich dann, ob es wirklich dieses uns noch gibt. ob man noch von EINER generation sprechen kann.
und ich frage mich, wer sie sind. die menschen dieser zeit, die mir so oft so resigniert, so teilnahmslos an allem vorkommen.
sind sie es, die die welt nicht begreifen können und wollen? oder bin ich es, der sie nicht verstehen kann?

und wenn ich die menschen sehe, wie sie durch die welt laufen, hier in mitten eines paradies aus konsumgütern, überproduktion und luxus, frage ich mich, wo ihr glück geblieben ist!? ihr lachen im gesicht. ihr JA zum leben...

unsere generation?!

Sebastian hat gesagt…

Ja, es ist schräg. Hinzufügen möchte ich zwei gedanken :

1
vielleicht hängt das alles generell mit der existenziellen Entfremdung und unserer "Ambivalenz gegen.über" dem Sein etc zusammen, bzw fällt damit zusammen

2
DIe Sache mit der konstruktiven kritik kommt noch dazu. Kritik, deren massstab unrealistisch ist, steht ausserhalb der Welt, ist also nicht kraftvoll in ihr verwurzelt,

und Kritik, die nicht auch eine zumindest potentiell gute praxistaugliche Alternative hat ist leer.

Wenn wir heute so etwas wie Sorge oder Weltschmerz haben, ist dieses Gefühl durch die Entfremdungt(siehe 1), durch die narzisstische und naive komponente(unrealistische kritik) und durch die Hoffnungslosigkeit(keine Altnernative Vision, auf die sich eine kritische Masse einigen kann)

, wegen all dieser Faktoren ist das "fühlen der Welt", und das Bewusstsein darüber, dass man es tut*, extrem diffus, glaube ich.

*Welt-fühl-Bewusstsein, sozusagen, : )

Kerstin Zahariev hat gesagt…

Danke für diese Gedanken. Ähnliche hatte und habe ich selbst immer wieder. Was tun, angesichts überall lodernder Brennpunkte? Mitunter bekommt man das Gefühl, umzingelt zu sein. Man bekommt das Gefühlt, selbst wenn man sich vielteilt, nicht genügend tun zu können.

Ich schaue grundsätzlich keine Nachrichten mehr im Fernsehen und im Netz nur selten. Ich las einmal etwas, was ich als sehr wahr empfand und bei dem ich versuche, es in jedem Moment umzusetzen.

"Schaue dir kein Leid von anderen Menschen an, keine verhungernden Kinder, keine Soldaten, die wahllos auf Menschen schießen; keine gequälten Tiere, keine Bilder von Misshandlungen; Folter, Tod - wenn du nicht augenblicklich dafür sorgen kannst, dass sie beendet werden.
Denn wenn du sie dir nur anschaust, ohne lindern oder gar das Ganze beenden zu können, werden dir die Schuldgefühle, die Ohnmachtsgefühle all die Kraft rauben, die du brauchst, um wirklich helfen zu können, in deiner Nähe, in deinem persönlichen Umfeld.
Es hat seinen Sinn, dass dein Platz da ist, wo du gerade bist. Nimm ihn so an und wirke mit allen Kräften, die dir zur Verfügung stehen und lasse dich nicht ablenken von weit entfernten Schauplätzen, an denen du nichts, aber auch gar nichts tun kannst..."

Es hilft mir jeden Augenblick, mich daran zu erinnern, was ich wirklich tun kann. Und es bringt innere Ruhe und Gelassenheit.

Herzlichen Gruss.

Christoph hat gesagt…

An Sebastian:

Ich kann leider nicht allen Gedankengängen folgen, auch weil mir bei einigen genutzten Begriffen der Bedeutungszusammenhang fehlt. Ich meine, das sich mir durch die genannten Begriffe nicht deren Inhalt erschliesst, wie bei: "existenzielle Entfremdung"; "Ambivalenz gegenüber dem Sein".

Warum kommt die Sache mit der "konstruktiven Kritik" noch dazu?

"Kritik, deren Maßstab unrealistisch ist."
Auf welche Kritik bezüglich? Die Kritik, die sich im Text ausdrückt?
Welcher Maßstab wird hier wahrgenommen?

Ich kann dem Gedanken folgen, das Sorge und Weltschmerz aus genannten "Komponenten" enstehen können oder ihren Einfluss ausüben können.
Den Rest des Textes habe ich weniger nachvollziehen können. Das ist eine Kritik, aber soll nicht als "Le(e)hrworte" verstanden werden. Ich bin einfach überzeugt, das es wichtig ist, das man sich eindeutig ausdrückt und in einem Terminus schreibt, den andere Menschen verstehen können. Ich denke das dient dem Autor gleichermaßen, wie dem Leser.

Christoph Prange hat gesagt…

Liebe Kerstin Zahariev,
ich habe Ihren (zitierten) Text gelesen und bin ihnen für diesen geborgenen Schatz dankbar.

Aus der Ferne und mit herzlichem Gruß,
Christoph P.