Sonntag, 20. September 2009

Türen


Es sind die qualvollen Stunden die uns Stille machen und eine offene Tür,
Die uns des Lebens entläßt.
Doch der Tod bleibt nur ein Durchgang, zu den andern Ufern des Lebens.
Vielleicht schon geschieht es im Leben,
Das einer wacht und durch die Schwelle tritt.
Den anderen wird dann, wenn alles entgleitet,
Die Stunde des Todes Helfer und Führer sein:
Dann werde sie sehen, das ihr Leben nur Gleichnis war
Und das ihr Sterben Fortschreiten ist.

Ich lese bei Rilke:
"Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, dass man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüssten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden.


Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,
man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten
milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große
Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
seliger Fortschritt entspringt -: könnten wir sein ohne sie?
Ist die Sage umsonst, dass einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
dass erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft."

(R.M.Rilke - Auszug aus der ersten Duineser Elegie)

Kommentare:

Kerstin Zahariev hat gesagt…

Ja, der Rielke kann das wirklich - er kann solche wunderbaren Verse schreiben, die man erst nach dem dritten Lesen glaubt, zu verstehen.
Für mich sehr passende Trostworte. Am kommenden Samstag wird die Mutter beerdigt, dann werde ich sie hier noch einmal lesen kommen.

Danke dafür.

MonikaMaria hat gesagt…

???

Willkommen im Raum «dazwischen»,
denn: Niemand kommt zur Welt des Vaters, es sei denn, er geht den Weg durch MICH.

Weil: Ich bin der Weg, der Weg zur Wahrheit UND zum Leben.